Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

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ThomasR
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Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von ThomasR » Dienstag 9. Juli 2019, 10:11

Wir hatten am Freitag einen recht heftigen Stromunfall im Betrieb, der nur mit viel Glück ohne Personenschäden ausgegangen ist.

Der Monteur einer Fremdfirma war gerade dabei, in der (nicht freigeschalteten!) NSHV ein NYCWY für das Auflegen vorzubereiten. Dabei muß der halb geflochtene PEN Zopf sowohl mit der PEN Schiene als auch mit einem L Abgang in Berührung gekommen sein. Das hatte einen heftigen Knall und das Auslösen der NH3 400A zur Folge. Der Kollege hat außer einem Schrecken nichts abbekommen. Eigentlich wäre damit alles erledigt gewesen, aber:

Aus unbekannten Gründen muß sich dabei hinter den Trennern auf den Stromschienen ein Plasma gebildet haben, das am Ende der Stromschienen kurz gestanden hat. Von den massiven Schienen (Absicherung 3 kA) fehlen jedenfalls große Stücke. Im darüberliegenden Stahlblechgehäuse ist ein 5cm Loch gefressen.

Das hat keiner der Sicherungslasttrenner schnell genug mitbekommen, so daß die Überwachung auf der 20kV Seite ausgelöst und sämtliche Trafos des Standortes lahmgelegt hat. Die Westnetz hat dann noch sicherheitshalber den gesamten Ring abgeschaltet, weil man nicht sicher wußte woher das kam.

Bisher gibt es keine Bilder, da noch die Sachverständigen dran sind. Die Anlage ist nach intensiver Reinigung und Freimessung allerdings wieder in Betrieb.

Wie zum Teufel bildet sich ein Plasma an einer ganz anderen Stelle? Zwischen dem ersten Kurzschlußort und den Abbränden an den Schienen sind bestimmt 30cm!

Josupei
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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Josupei » Dienstag 9. Juli 2019, 10:51

Das Plasma, bzw. der Lichtbogen wandert, dafür kann man in ausgedehnten Anlagen eine feldweise Störlichtbogenverlöschung einbauen. Damit sich der Störlichtbogen nur im fehlerbehafteten Feld austobt und nicht mehrere Felder zerstört.

Gruß
Josupei

Funker
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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Funker » Dienstag 9. Juli 2019, 19:44

Ich hatte vor 13 Jahren auch einmal einen ähnlichen Schaden einer ISA 2000 Anlage auf dem Schreibtisch.
Eigentliche Ursache letztendlich unklar, möglicherweise Kurzschlußauslösung auf Sammelschiene durch Maus, Ratte o.ä.,
obwohl das was man so gesehen hat wie Gitter und Verschlüsse zu waren.
Der Lichtbogen läuft i.A. von der Einspeisung weg. Es gibt daher nach außen hörnerförmig gebogene Einrichtungen in die
Lichtbögen z.B. bei Blitzeinschlag auf der HS/MS Seite von Trafos dann nach Außen laufen, dabei länger werden,
sich die Energie verteilen muß und dann verlöschen.
Beiliegend zwei Bilder. Einmal der entsprechende Sicherungsabgang wo sich der Lichtbogen austobte.
Da der auf der Sammelschiene stattfand ist natürlich das Sicherungsplättchen ganz aber das Gehäuse durch die Wärme zerstört.
Durch die Stahlplatte neben der Sicherung wird ein Übergriff auf daneben liegende Felder verhindert.
Zweites Bild Loch in der Frontplatte der Tür. Da hätte ebenfalls keiner davorstehen dürfen.



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Tobi P.
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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Tobi P. » Dienstag 9. Juli 2019, 19:50

Moin Thomas,
ThomasR hat geschrieben:
Dienstag 9. Juli 2019, 10:11
Der Monteur einer Fremdfirma war gerade dabei, in der (nicht freigeschalteten!) NSHV ein NYCWY für das Auflegen vorzubereiten.
das klingt für mich so als würdest du für diese Arbeit eine Freischaltung der NSHV begrüßen? Es wäre dann allerdings schon sehr ungewöhnlich für das Auflegen eines Abgangs eine komplette NSHV freizuschalten. Kann ich mir allenfalls in einer Uraltanlage ohne Berührungsschutz und mit hoher Packungsdichte vorstellen.
Was das Flechten angeht - nunja, da hat die Arbeitsvorbereitung wohl nicht gestimmt. Ich montiere vorher grundsätzlich Abdecktücher an allem was sich in Reichweite des Zopfs befindet und noch unter Spannung steht.



Gruß Tobi

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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Funker » Dienstag 9. Juli 2019, 20:34

Vom Grundsatz der BG her nach DGUV V3 wäre im NS Bereich grundsätzlich die Totale Freischaltung geboten.
Als Ausnahme wäre das dann sofort komplett als "AuS" zu werden und entsprechend VDE 0105-100 Begriffe 3.4.4. und Arbeitsmethode unter 6.3.
dort ist ausgeführt was üblicherweise unter AuS fallen sollte.
Auf jeden Fall wurden die dort gegebenen Anweisungen zum Abdecken und Abschranken offensichtlich nicht ausreichend beachtet.

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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Tobi P. » Dienstag 9. Juli 2019, 21:39

Moin,

wenn ich jedesmal eine ganze NSHV komplett freischalten würde um ein neues Abgangskabel aufzulegen - oh man, allein die Vorstellung ist schon so dermaßen absurd und läuft sowas von am Leben vorbei dass mir da einfach nichts zu einfällt doh1


Gruß Tobi der genau das morgen vor sich hat - ohne abzuschalten, versteht sich

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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Funker » Dienstag 9. Juli 2019, 21:57

Praktisch kann man das Kabel auch außerhalb der UV / NSHV vorbereiten einschließlich der anzuschließenden Klemmen.
Anschließend vor Einführung in die UV die blanken Klemmen einschießlich Zopf mit isolierten Tüllen provisorisch sichern bzw. Zopf bis auf Anschlußteil mit Isoliermaterial Schrumpfschlauch generell sichern (EMV Thema PE Leiter isoliert führen und auflegen),
In der UV dann die provisorischen Abdeckungen im Bereich des Anschlußortes wieder abnehmen.
Das wäre dann auch eine Form des "AuS".

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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Tobi P. » Dienstag 9. Juli 2019, 22:20

Moin,

das zeigst du mir aber mal wie du ein NYCWY 4x240/120 ausserhalb der NSHV abmantelst, die Adern ausbiegst, Kabelschuhe aufpresst, von unten durch den Doppelboden in die NSHV einführst und die Löcher der Kabelschuhe dann genau auf den Anschlussbolzen des NH3-Abgangstrenners landen ohne mechanische Spannungen auf den Trenner zu bringen joint1
Es gibt Dinge die in der Praxis funktionieren - und es gibt Dinge die sind so vollkommen praxisfremd dass ich sie von vornherein lieber ignoriere und was mache das funktioniert. Also zb mein 240mm² erst einführen und dann bearbeiten und anpassen wie es jeder Großquerschnittselektriker macht inocc1

Gruß Tobi

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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Corioliskraft » Mittwoch 10. Juli 2019, 06:39

Naja, man sieht (hört) ja was passieren kann. So absurd ist eine Abschaltung eigentlich gar nicht.

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Re: Heftiger Kurzschlußschaden durch Plasmabildung

Beitrag von Tobi P. » Mittwoch 10. Juli 2019, 07:01

Moin,

entweder ich beherrsche meinen Job oder ich beherrsche ihn nicht und habe dann auch noch Angst davor. In letzterem Fall habe ich in solchen Anlagen sowieso nichts zu suchen. Und wenn ich mir tagein, tagaus Gedanken darüber machen würde "was alles passieren kann" würde ich mich zum Qualitätsprüfer für Luftpolsterfolie umschulen lassen.

Gruß Tobi

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