Stromunfall mit Bahnstrom?

ThomasR
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Stromunfall mit Bahnstrom?

Beitrag von ThomasR » Dienstag 4. Oktober 2016, 16:07

Zitat einer Zeitungsmeldung vom 1.10.2016:

"Bei einem Löscheinsatz in Oberhausen sind zwei Feuerwehrmänner durch einen Stromschlag schwer verletzt worden.

Der Korb einer Drehleiter geriet in der Nacht zu Samstag an eine 110 000 Volt führende Starkstromleitung, wie die Feuerwehr in Oberhausen mitteilte. Der Feuerwehrmann, der sich im Korb befand, musste von Spezialisten gerettet werden, die zunächst das Stromkabel erdeten. Sein Kollege an der Drehleiter konnte zügig gerettet und in eine Kinik gebracht werden. Wie es zu dem Unfall kam, ist noch ungeklärt. Die Feuerwehr war zu einem Einsatz mit Rauchentwicklung auf einem Bahngelände gerufen worden. Um sich einen Überblick über eine Lärmschutzmauer zu verschaffen, hatten die Einsatzkräfte die Drehleiter ausgefahren".

Weiß jemand mehr? War das eine "normale" 110 kV Leitung oder eine 16,7 Hz Höchstspannungsfreileitung oder "nur" die 15 kV Einspeisung zum Fahrdraht.

Wie sind die 16,7 Hz Höchstspannungsleitungen eigentlich gegen Erde geschaltet? Erde = Rückleiter?

IH-Elektriker
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Beitrag von IH-Elektriker » Dienstag 4. Oktober 2016, 16:40

Wenn ich mir die Liste der Bahnstromsysteme auf Wikipedia so ansehe fährt kein Zug der Welt direkt mit 110KV die ja wohl in der Zeitung angegeben sind. Daher liegt für mich die Vermutung nahe das es sich um eine „normale“ 110KV-leitung gehandelt haben könnte…

Aber mehr wie vage Vermutungen anstellen und wild umher spekulieren kann man bei der dürftigen Infolage auch nicht – außer es hat jemand wirkliche Infos und darf diese weitergeben ;)

Es kann durchaus sein das ein Zeitungs-Schreiberling 110KV-Leitung und Bahn-Oberleitung wild durcheinander würfelt, so nach dem Motto „ein hoher Strom ist da überall drin….“ oder so ähnlich.

Trotzdem sollte ein solcher Unfall nicht passieren dürfen wenn alle Sicherheitsregeln eingehalten werden. Und da gehört sicherlich auch dazu beim Einsatz der Drehleiter auf Stromleitungen in der Umgebung geachtet wird und das zu diesen Leitungen ein Sicherheitsabstand einzuhalten ist. Die Frage wäre nur ob die Feuerwehrler hier die Gefahr erkennen konnten (Nacht, Leitung ggf. nicht direkt sichtbar, umgebendes Gelände lässt keine Leitung erwarten usw.) oder ob überhaupt nicht darauf geachtet wurde ob der Schwenk- bzw. Arbeitsbereich der Drehleiter frei von Hindernissen war.

Ich möchte da nicht in der Haut des Einsatzleiters oder Zugführers stecken. Das ist sicherlich nicht einfach so einen Unfall zu verdauen, vor allem wenn ggf. durch noch umsichtigeres Handeln so ein Unfall vermieden werden kann…

ThomasR
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Beitrag von ThomasR » Dienstag 4. Oktober 2016, 16:52

Die Zuführung der 15kV Fahrdrahtspannung erfolgt über recht lange Wege vom nächsten Unterwerk entlang der Trassen bis zu den Einspeisepunkten. An so eine Leitung kann man "beim über die Schallschutzwand schauen" relativ leicht geraten. Es wird aber ausdrücklich von einer 110kV Leitung geschrieben. Diese gibt es tatsächlich auch als Freileitung zur Versorgung der Unterwerke und kann gelegentlich neben der Trasse verlaufen. Oder eben eine völlig andere 110kV Leitung, nämlich die 50Hz der Flächenversorgung.

Vielleicht weiß ein Bahnstromer aus dem Forum mehr?

zebra-ma
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Beitrag von zebra-ma » Dienstag 4. Oktober 2016, 17:54

Hallo Thomas,

ein Feuerwehrkollege hat sich etwas intensiver mit dem Unfall beschäftigt und war auch vor Ort.

Es handelt sich um die von dir genannte Leitung 15kV für die Fahrdrahtspannung. Der Unfall selbst ist an einer stillgelegten Strecke passiert. Die Abschaltung und Erdung hat durch den Betreiber der Leitung statt gefunden und auf Grund der Anfahrt aus Köln auch eine gewisse Zeit gedauert.

Gruß

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Beitrag von Elt-Onkel » Dienstag 4. Oktober 2016, 18:00

Hallo,

eine typische Konstruktion:

Es gibt eine Schallschutzwand.

Die Wand umzingelt jedesmal den Gittermast der Fahrleitung.

In der Fahrleitung sind 15 kV.
Die 15 kV haben ihre Potentialdifferenz gegen Erde.

Oben an dem Gittermast gibt es eine lotrechte Verlängerung.

An dieser Verlängerung befinden sich ein bis zwei Ausleger.

An diesn Auslegern können entweder 15 kV - Leiterseile angebracht sein,
oder eben solche für 110 kV.

Zusätzlich gibt es in Deutschland querfeldein 110 kV - Bahnstromleitungen,
die 4 Leiterseile haben.
Jeweils ein Paar rechts und ein Paar links vom Mast.
Da hängt neben dem aktiven Leiter ein Erdseil.
Also Potentialdifferenz nach außen und gegen Erde.


...

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Beitrag von Elt-Onkel » Dienstag 4. Oktober 2016, 18:04

Hallo,
zebra-ma hat geschrieben:
Es handelt sich um die von dir genannte Leitung 15kV für die Fahrdrahtspannung. Der Unfall selbst ist an einer stillgelegten Strecke passiert.

Die Abschaltung und Erdung hat durch den Betreiber der Leitung statt gefunden und auf Grund der Anfahrt aus Köln auch eine gewisse Zeit gedauert.
Wenn die Strecke stillgelegt ist,
ist die Fahrleitung abgeschaltet.

Wenn die Fahrleitung abgeschaltet ist,
ist sie bahngeerdet.

Also kann an der Aussage etwas nicht passen.

Es kann sich auch um eine Speiseleitung gehandelt haben,
die oberhalb der Fahrleitung montiert ist.
Die kann natürlich weiterhin in Betrieb sein.


...

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Beitrag von Elt-Onkel » Dienstag 4. Oktober 2016, 18:07

Hallo,
zebra-ma hat geschrieben:
Die Abschaltung und Erdung hat durch den Betreiber der Leitung statt gefunden,
und auf Grund der Anfahrt aus Köln auch eine gewisse Zeit gedauert.

Die Abschaltung erfolgt im Gefahrenfall immer sofort über die ZES.

Das dauert im schlechtesten Fall 2 Minuten.

Dann sind aber immer noch ca. 4 kV auf der Leitung,
bis sie korrekt bahngeerdet ist.


...

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Beitrag von Elt-Onkel » Dienstag 4. Oktober 2016, 18:13

Hallo,

die beiden Feuerwehrmänner im Korb haben maximal eine Schrittspannung
als Potentialdifferenz erfahren.

Da dürfte das Alu vom Korb wohl der wesentlich kleinere Widerstand gewesen sein.

Interessanter ist der Zustand der Drehleiter.
Wenn da ein Kurzschlußstrom von einigen kA geflossen ist,
dürften verschiedene Wellen in den Lagern erheblichen Schaden genommen haben.
Üblicherweise brennen auch die Reifen ab.
Wenn aber die Drehleiter ausgefahrene Abstützpratzen gehabt hat,
könnten es die Reifen überlebt haben.


...

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Beitrag von zebra-ma » Dienstag 4. Oktober 2016, 19:27

Hallo elt-Onkel,

leider liegst du mit deiner Einschätzung komplett daneben. Dem Maschinsten geht es wohl wieder relativ gut. Der Kollege im Korb allerdings war wohl die ganze Zeit ansprechbar, hat aber deutliche Schäden davon getragen. Unbestätigte Info gestern war, dass er noch nicht übern Berg ist. Da gilt es also noch die Daumen zu drücken und zu hoffen.

Die Leiter hat nach einem ersten Check den Unfall recht gut überstanden. Ich schätze mal, wie in anderen Fällen auch, dass diese vom Hersteller geprüft und in der Folge wieder in Dienst gestellt wird.

Zum Unfallgeschehen:

Es handelt sich um eine Versorgungsleitung der Bahn für einen anderen, noch genutzten Streckenabschnitt. Die Leitungsführung befindet sich an der Unfallstelle so halb oberhalb der Straße. Problem war die Erdung und diese hat einige Zeit gedauert, bis die entsprechenden Personen und Material vor Ort waren.

Gruß

ThomasR
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Beitrag von ThomasR » Dienstag 4. Oktober 2016, 19:51

Wird bei diesen parallel verlaufenden Speiseleitungen nach Kurzschluß auch zwei Mal wieder zugeschaltet?

Eine unter voller Spannung stehende 15kV Versorgung kann man als Laie wohl kaum erden (nach den Beschreibungen hier aus dem Forum). Wie soll da eine erste Hilfe für den Mann im Korb rechtzeitig stattfinden?

Es wird Zeit, daß auch die FW Kameradrohnen bekommt :)

Meine besten Genesungswünsche an die Kollegen!

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