Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

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Snippy30
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von Snippy30 » Dienstag 3. Juli 2018, 11:12

Danke ThomasR für deine ausführliche Information. Man lernt halt nie aus dank1

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mikmik
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von mikmik » Dienstag 3. Juli 2018, 21:58

Hallo zusammen,

ich habe mal nachgeschaut: DIN EN 60335-1 (VDE 0700-1):2012-10 "Sicherheit elektrischer Geräte für den Hausgebrauch und ähnliche Zwecke – Teil 1: Allgemeine Anforderungen" (Neuausgabe geplant für 2018-07) in Verbindung mit DIN EN 60335-2-24 (VDE 0700-24):2010-12 "Sicherheit elektrischer Geräte für den Hausgebrauch und ähnliche Zwecke – Teil 2-24: Besondere Anforderungen für Kühl-/Gefriergeräte und Speiseeis- und Eisbereiter" lehren in Abschnitt 10.2 mit meinen eigenen Worten wiedergegeben, dass die Prüfung des Bemessungsstroms so abläuft:

Messung, wenn der Strom sich stabilisiert hat, dabei sollen alle Stromkreise, die gleichzeitig betrieben werden können, in Betrieb sein und das Gerät mit Bemessungsspannung betrieben werden. Interessant ist dann aber der aufgrund von VDE 0700-24 zu ersetzende dritte Spiegelstrich in VDE 0700-1, der sinngemäß anführt, dass das Gerät mit Normalbetrieb betrieben wird (meint, der vom Benutzer verstellbare Temperaturregler wird so eingestellt, dass sich die niedrigste Temperatur ergibt).

Das Gerät (also der Kühlschrank) wird 1 h oder mit der max. Einstellung eines eingebauten Zeitschalters betrieben, je nachdem, was kürzer ist. Es wird höchste Durchschnittsstrom ermittelt, der über einen Zeitraum von 5 min aufgenommen wird; dabei bleibt der Einschaltstrom unberücksichtigt. Der Abstand zwischen zwei Strommessungen darf 30 s nicht überschreiten. Die Anmerkung 101 in VDE 0700-24 verdeutlicht, dass der Einschaltstrom unberücksichtigt bleibt, wenn die erste Strommessung etwa 1 min nach dem Einschalten erfolgt.

Diese beschriebene Vorgehensweise auf Basis eines arithmetischen Mittelwerts findet sich dann auch auf dem Typenschild wieder und erklärt die Diskrepanz zu Einzelmessungen als Momentaufnahme.

Übrigens, beide o. g. Normen haben gewollt die gleiche Abschnittsnummerierung und müssen zwingend zusammen benutzt werden. Der Teil 24 kommt einem so vor, wie ein Korrekturexemplar in Sachen Kühl-/Gefriergeräte, das in den Teil 1 der VDE 0700 eingepflegt wird. Das ist ein etwas ungewohntes und aufreibendes Arbeiten, wenn man für gewöhnlich in der Gruppe 0+1 des VDE-Vorschriftenwerks unterwegs ist.

Viele Grüße
Michael

Olaf S-H
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von Olaf S-H » Mittwoch 4. Juli 2018, 07:40

Moin mikmik,

die "Zusammenarbeit" einzelner Teile innerhalb einer Reihe ist doch nichts ungewöhliches. Installationsanalogon: VDE 0660-600. Teil 1 ist dann allgemein und danach wird es spezieller. Nächstes Beispiel: VDE 0113. Hier nutzen wir vorrangig den Teil 1 und in den anderen Teilen wird es denn spezieller.

Die Wiederholungsprüfung am Kühlschrank dauert dann also ca. 1 h. Mal sehen, was der 99-Cent-Prüfer dann macht. :D

Gruß Olaf
Dies ist keine rechtsverbindliche Auskunft sondern meine Meinung bzw. mein Tipp für den Bereich der Bundesrepublik Deutschland! Die einschlägigen Normen/Vorschriften (z. B. DIN, VDE, TAB, DGUV, TRBS, BekBS, NAV, EN, LBO, LAR, ArbStättV, BetrSichV, ProdSG, ...) sind zu beachten. Ein Rechtsanspruch kann hieraus nicht abgeleitet werden. Die Nennung von Fundstellen in Regelwerken stellt keine Rechtsberatung sondern nur die Sichtweise des Verfassers dar.
vde1
Für elektrotechnische Laien gilt: Dieser Beitrag erläutert die technischen Zusammenhänge. Die Umsetzung obliegt den konzessionierten Fachbetrieben (§13(2)NAV).

"Wer eine Handlung begeht, der übernimmt auch alle daraus folgende Pflichten." §33 I-3 prALR 1794

ThomasR
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von ThomasR » Mittwoch 4. Juli 2018, 17:01

mikmik hat geschrieben:
Dienstag 3. Juli 2018, 21:58
Messung, wenn der Strom sich stabilisiert hat, dabei sollen alle Stromkreise, die gleichzeitig betrieben werden können, in Betrieb sein und das Gerät mit Bemessungsspannung betrieben werden. Interessant ist dann aber der aufgrund von VDE 0700-24 zu ersetzende dritte Spiegelstrich in VDE 0700-1, der sinngemäß anführt, dass das Gerät mit Normalbetrieb betrieben wird (meint, der vom Benutzer verstellbare Temperaturregler wird so eingestellt, dass sich die niedrigste Temperatur ergibt).

Das Gerät (also der Kühlschrank) wird 1 h oder mit der max. Einstellung eines eingebauten Zeitschalters betrieben, je nachdem, was kürzer ist. Es wird höchste Durchschnittsstrom ermittelt, der über einen Zeitraum von 5 min aufgenommen wird; dabei bleibt der Einschaltstrom unberücksichtigt. Der Abstand zwischen zwei Strommessungen darf 30 s nicht überschreiten. Die Anmerkung 101 in VDE 0700-24 verdeutlicht, dass der Einschaltstrom unberücksichtigt bleibt, wenn die erste Strommessung etwa 1 min nach dem Einschalten erfolgt.

Diese beschriebene Vorgehensweise auf Basis eines arithmetischen Mittelwerts findet sich dann auch auf dem Typenschild wieder und erklärt die Diskrepanz zu Einzelmessungen als Momentaufnahme.
Das funktioniert aber nur bei völlig leerem Kühlschrank UND einer sehr niedrigen Außentemperatur! Sonst braucht der Kompressor zu lange um auf den (gewünschten) Minimalstrom zu kommen, jedenfalls länger als eine Stunde.....

Oder der Schrank ist zwar gefüllt, aber der Thermoschalter hatte den Kompressor direkt vor dem Test ausgeschaltet (Beharrungszustand erreicht). Wenn es dann nicht zu warm ist, müste man zumindest in die Nähe der minimalen Stromaufnahme (= Typenschild) kommen.

Diese Fragestellung ist aber grundsätzlich alarmierend weil sich kaum jemand Gedanken über eine Leitungsdimensionierung, Absicherung und Spannungsabfall bei einem Kühlschrank von nominal 120 Watt Aufnahme macht. Da könnte der Unbedarfte auch drei oder vier dieser Geräte parallel an einem Stromkreis betreiben wollen, womöglich noch gemeinsam an einer Tischsteckdose. Bei dem angeführten Liebherr KD 2014 Index 21 Nennleistung 120W gemessen 1016W sieht das aber schon GANZ anders aus 8o

Typischer Aufbau bei Dorffesten o.ä.: Kühlschränke stehen bei 32°C in Reihe nebeneinander im Freien/am Getränkestand, zusammen an einer Tischsteckdose/Stromkreis :D Der Kompressor kommt von seiner Maximalleistung gar nicht mehr runter, weil ständig neue Getränke nachgefüllt bzw. entnommen werden. Ich hoffe der Feuerlöscher ist nicht weit weg....

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mikmik
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von mikmik » Donnerstag 5. Juli 2018, 10:18

Hallo,
Olaf S-H hat geschrieben:
Mittwoch 4. Juli 2018, 07:40
die "Zusammenarbeit" einzelner Teile innerhalb einer Reihe ist doch nichts ungewöhliches. Installationsanalogon: VDE 0660-600. Teil 1 ist dann allgemein und danach wird es spezieller. Nächstes Beispiel: VDE 0113. Hier nutzen wir vorrangig den Teil 1 und in den anderen Teilen wird es denn spezieller.
okay, ich habe jetzt mal spaßeshalber in die DIN EN 61439-4 (VDE 0660-600-4) geschaut und bin sprachlos. Mir ist schon klar, dass die Produktnorm immer im Zusammenhang mit der Grundnorm gelesen werden muss, aber dieses Inferno an "streiche hier, ersetze dort", hat mich beim Lesen etwas aus der Bahn geworfen. Ich dachte immer, der höchste Dan in Sachen Querverweise wären die Verweisparagrafen im BGB (so komplex, dass sich für den Bereich Werkvertragsrecht die VDE-Schriftenreihe 133 mit umfangreichen Flussdiagrammen der Thematik nähert), aber es geht tatsächlich noch besser, Danke für diesen Hinweis.

Viele Grüße
Michael

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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von mikmik » Donnerstag 5. Juli 2018, 10:28

ThomasR hat geschrieben:
Mittwoch 4. Juli 2018, 17:01
Das funktioniert aber nur bei völlig leerem Kühlschrank UND einer sehr niedrigen Außentemperatur! Sonst braucht der Kompressor zu lange um auf den (gewünschten) Minimalstrom zu kommen, jedenfalls länger als eine Stunde.....
In der Tat macht die Produktnorm natürlich noch diverse Vorgaben, um eine Reproduzierbarkeit der Messergebnisse herzustellen, u. a. auch wie Reif produziert werden soll. Ein Dilemma wird ganz deutlich: Wer den Bemessungsstrom auf dem Typenschild normgerecht nachmessen will, verwandelt sich in so eine Art Prüfinstitut.

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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von Mackie Messer » Mittwoch 11. Juli 2018, 08:05

Was ist denn jetzt die Moral von der Geschichte?
Ist 1.5 Ampere wenn der Kompressor läuft jetzt akzeptable oder nicht?

Markus83
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von Markus83 » Samstag 14. Juli 2018, 16:14

Snippy30 hat geschrieben:
Montag 2. Juli 2018, 18:00
Allerdings sind bei manchen Geräten die Leistungsaufnahme weit nach dem Anlauf über der Anzeige des Leistungsschildes.

Und das Verstehe ich auch nicht so ganz.

Beispiel:
SEG Coolstar 6120A Nennleistung 67W gemessen 483W
Liebherr KD 2014 Index 21 Nennleistung 120W gemessen 1016W
ALASKA KS287S Nennleistung 100W gemessen 435W
Siemens FD6903 Type: KT 1F 15.1 Nennleistung 90W gemessen 502W

Nicht bei allen ist dies so, aber bei ca. der Hälfte der überprüften Geräte.
Hallo Snippy30,

nach meiner Erfahrung kommen derart hohe Ströme zustande, wenn der Kompressor im laufenden Betrieb ausgeschaltet und sofort wieder eingeschaltet wird.
Der Kompressor schafft es dann nicht, gegen den noch anstehenden Kühlmitteldruck anzulaufen.
Endet dann meist mit auslösen des Motorschutzschalters oder Thermoschutz.

Nach meinen Aufzeichnungen laufen Kühlschränke ca. 30-50% der Bereitschaftszeit. Würde also ungefähr zu deiner Quote passen.

Gruß Markus

ThomasR
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von ThomasR » Montag 16. Juli 2018, 10:17

Aus dem Beitrag von MikMik reime ich mir eine "energieeffiziente" Messung (= möglichst niedriger Katalog/Typenschildwert) wie folgt zusammen:

Kühlschrank in möglichst kühler Umgebung betreiben!
Kühlschrank möglichst leer
Kühlschrank AUSGESCHALTET (durch Thermostat)
Meßgerät zur Stromaufnahme anbringen und Meßreihe beginnen
Thermostat langsam verstellen (niedriger) bis sich der Kühlschrank EINSCHALTET (Tür wieder zu!!!)
Mindestens so lange laufen lassen, bis der Kühlschrank sich selbst AUSSCHALTET
Messung stoppen

Die Auswertung wird ergeben:

Einschaltstromstoß --> wird gemäß Norm ignoriert
Dann langsam abfallende Stromaufnahme über die Zeit bis zum Ausschalten
Kurz vor den Ausschalten wird die geringste Stromaufnahme gemessen = Nennwert

Wenn das Ganze in einigermaßen kühler Umgebung durchgeführt wird und der Kühlschrank nicht zu voll ist, wird das alles nicht mehr als 1 Stunde dauern.

Die Experten der Hersteller werden zur Ermittlung einer möglichst geringen Stromaufnahme den Schrank in eine Kühlkammer stellen :D das wird nur schwer nachzuvollziehen sein :p

Die Stromaufnahme eines Kältekompressors sinkt mit dem Druckverhältnis, das er überwinden muß. Der Idealfall ist das herumeiern kurz über der Siedetemperatur des Kältemittels (meist bei - xx°C) ohne Kältelast (Solltemperatur erreicht)

Mackie Messer
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Re: Fragen zu Anlaufstrom und Typenschildern von Kühlschränken

Beitrag von Mackie Messer » Dienstag 17. Juli 2018, 07:35

"Kurz vor den Ausschalten wird die geringste Stromaufnahme gemessen = Nennwert"
Wie kommt das denn zu Stande?
Ich dachte immer Nennwert ist die höchste Stromaufnahme unter ignorierung der ersten 6 sekunden nach dem Anlaufen?!

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