Katastrophen im Altbau

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IH-Elektriker
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von IH-Elektriker »

TSR_9614 hat geschrieben: Mittwoch 20. Oktober 2021, 20:04 Vom selbstständigen Tischler über einen alten Schlosser (der sich die Rente ein bisschen aufbessert) diverse Verwandte der Mitbesitzer/Teilhaber die hier basteln, bis zu einem Bekleidungsgeschäft ist alles vertreten.
Die Firma die hier ursprünglich war, gibt es nicht mehr. Von daher fühlt sich auch keiner verantwortlich.
Oh Oh Oh....

Neben den elektrischen Baustellen (welche sicherlich zur Genüge vorhanden sind) sehe ich auch Baustellen bei den Maschinen hinsichtlich Maschinensicherheit. Es gibt da diverse Dinge welche nachgerüstet werden müssen wie Spindelschutz an Drehmaschinen, Not-Halt generell usw. um den Anforderungen der BG und der BetrSichV zu genügen.

Und den Bildern nach wird da nichts passiert sein, ich nehme einfach mal an das viele der Maschinen im Urzustand verblieben sind...

Bei den "Mit-Bastelnden" ist das alles kein Problem, niemand verbietet dem engagierten Hobbyhandwerker sich selbst zu verstümmeln oder gar einen Hobby-Selbstmord zu verüben oder seine Werkstatt abzufackeln. Das sind dann die tragischen Heimwerker-Unfälle von denen man immer wieder mal in der Presse liest.

Problematisch wird es beim selbstständigen Tischler. Der sollte schon auf "sichere" Maschinen achten welche auch den Anforderungen der BG und BetrSichV entsprechen. Vor allem falls er vielleicht auch noch Angestellte hat.

Das Bekleidungsgeschäft wird ja zumindest mit den Maschinen nichts zu tun haben....

Ich kenne solche komischen Konstellationen ebenfalls. Mein Vater (gelernter altgedienter Mechanikermeister aber seit Jahrzehnten berufsfremd unterwegs) hatte vor etlichen Jahren mal die blöde Idee zusammen mit seinem Bruder (Ofenbauer) eine Firma aus dem Boden zu stampfen um nebenbei Maschinen zum Herstellen von Kachelofenbrennräumen usw. zu fabrizieren. Die Elektrik war am Anfang nur zum weglaufen bis ich dann kurzerhand mir die "Elektroabteilung inclusive E-Konstruktion" quasi unter den Nagel gerissen habe. Danach kamen wenigstens sichere und ordentliche Maschinen raus anstelle Murx....und ich hatte einen netten Nebenverdienst und endlich mal ne ordentliche Heimwerkerwerkstatt ;)
TSR_9614
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von TSR_9614 »

Hallo,

auch der nächste Fall fing unspektakulär an, im Maschinenhaus funktioniert ein Leuchtstoffbalken nicht mehr, Röhrentausch wurde gemacht hat aber nichts gebracht die Leuchte bleibt aus.

Aufgemacht und messen:

043.JPG

Etwa 4 cm stehen ein blanker Nullleiter und ein G-Draht rein, beide Spannungsführend (eh klar), da ist irgendwo der Nullleiter ab.
Ich habe dann versucht rauszufinden wie dieser Raum installiert ist, das gestaltete sich extrem schwierig da erstmal nichts zusehen war.
Die "Fingernagelmethode" hat dann eine überputzte Abzweigdose offenbart (die im Hintergrund am Fenstersturz)

Hier nochmal in anderer Ansicht:

042.JPG

Dort passt der Nullleiter, also kommt nur das Stück zwischen der Leuchte und Klemmdose in Frage.
Ich habe dann kurz nachgedacht was hier passiert sein könnte: die Leuchte ist maximal 30 Jahre alt, Original hing hier mit Sicherheit eine dieser Emaillampen, der Balken ist irgendwann mal nachträglich gekommen.
An der Klemmdose wurden dann beide Leiter aufgetrennt und die Leuchte demontiert, ich habe einen Verdacht.

Eine Zange genommen und am Nullleiter gezupft, schon habe ich ein Stück in der Hand,
Länge nachgemessen > passt genau, auf die linke Befestigungschraube, hier hat ein Spezialist bei der Montage das Bergmannrohr getroffen und denn Nullleiter angekratzt, warum er erst jetzt gebrochen ist lies sich nicht mehr feststellen.
Egal, bei der Dose die anderen Drahtreste herausgezogen und die kommende Leitung isoliert, dann ist halt eine Leuchte weniger.

Die Leuchte ist schon ziemlich fertig (Sockel ausgebrannt) und auch von mieser Qualität, ich bin nicht der Wegwerftyp aber da wollte ich nichts mehr machen.

Einige Zeit darauf bin ich am mal Abend vor Ort, und habe beobachtet wie einer der Tischler die verbliebenen Leuchten einschaltet > es knallt sofort.
Darauf angesprochen was los ist: Ah, da ist schon ein paar mal passiert, beim ersten mal war es ganz schön schwierig die Sicherung zu finden.

Das riecht nach Iso Fehler...

Ok, zumindest weis ich jetzt von wo dieser Raum versorgt wird, im EG Anbau ist ein Kleinverteiler dort wurde das irgendwie abgezweigt,
wenigstens ist ein 12A LSS drinnen und nicht wie sonst üblich alles mit 16.

Beim Eigentümervertreter gut zugeredet das es Zeit für eine neue Beleuchtung sei, hat ein bisschen gedauert wurde dann aber genehmigt.

Ich wollte zuerst durch die bestehenden Rohre neues Kabel ziehen, habe aber dann (weils einfach einfacher ist) die UP Geschichte abgehakt.
Hier besteht die Decke aus Kanthölzern mit Konterlattung darauf Heraklithplatte und 15mm Kalkputz.
Eine der Latten ausgemessen (dann braucht man nicht bohren und keine Dübel) und darauf eine Spur mit 4 Wannenleuchten installiert, dann die alten Leuchten demontiert.

176.JPG
Zuleitung und Schalter neu gelegt damit sollte das erledigt sein.
TSR_9614
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von TSR_9614 »

Die Altinstallation habe ich am LSS abgeschnitten von daher sollte das jetzt Ruhe geben.
Mich hat es etwas später aber dann gereizt rauszufinden was der Fehler war.
Auch hier mussten zuerst 2 überputzte Abzweigdosen gefunden werden teilweise gut versteckt hinter dem Lüftungsrohr.

Die ausgezogenen Drähte sahen bis jetzt aber optisch gut aus, der Fehler muss woanders sein,
plötzlich fiel mir diese Stelle auf:

177.JPG
Flecken von einem alten Wasserschaden, weitergesucht und auch hier eine Abzweigdose in der Nähe, beim rausziehen der Leitung die zum Schalter im Stiegenhaus ging dann der Treffer:

181.JPG
182.JPG
Ich will nicht wissen wie oft es da schon geknallt hat, so wie das Kupfer da weggebrannt ist.

Grüße
Trumbaschl
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von Trumbaschl »

Ich bin mir nicht sicher, wie weit die österreichischen Arbeitsschutzvorgaben (und einiges deutet sehr darauf hin, dass die Anlage in Österreich steht, besonders die Bezeichnung "G-Draht" für gummiisolierte Einzelader) sich mit den deutschen decken. Und wer eigentlich für deren Überwachung zuständig ist.

Aber vermutlich entspricht hier einiges auch den österreichischen Normen nicht mehr. Damit meine ich die Maschinen, über die E-Installation herrschen keinerlei Zweifel.
Olaf S-H
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von Olaf S-H »

Moin TSR,

in Deutschland ist zu Deinem ersten Bild der Zug bereits 1999 abgefahren. Die DGUV Vorschrift 3 fordert die Nachrüstung des Berührungsschutzes bis zum 31.12.1999.

Ansonsten: Schöne Bilder aus dem wahren Leben.

Gruß Olaf
Dies ist keine rechtsverbindliche Auskunft sondern meine Meinung bzw. mein Tipp für den Bereich der Bundesrepublik Deutschland! Die einschlägigen Normen/Vorschriften (z. B. DIN, VDE, TAB, DGUV, TRBS, BekBS, NAV, EN, LBO, LAR, ArbStättV, BetrSichV, ProdSG, ...) sind zu beachten. Ein Rechtsanspruch kann hieraus nicht abgeleitet werden. Die Nennung von Fundstellen in Regelwerken stellt keine Rechtsberatung sondern nur die Sichtweise des Verfassers dar.
vde1
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"Wer eine Handlung begeht, der übernimmt auch alle daraus folgende Pflichten." §33 I-3 prALR 1794
TSR_9614
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von TSR_9614 »

Hallo,
Trumbaschl hat geschrieben: Samstag 23. Oktober 2021, 15:49 ...und einiges deutet sehr darauf hin, dass die Anlage in Österreich steht...
Tiroler Unterland um genauer zu sein.

Trumbaschl hat geschrieben: Samstag 23. Oktober 2021, 15:49 Und wer eigentlich für deren Überwachung zuständig ist.
Das Thema ist scheinbar nicht so einfach, wie vorher schon jemand geschrieben hat wird unterschieden zwischen: es liegt ein Gewerbe vor (oder eben nicht), gibts es Mitarbeiter, oder es sogar einen Lehrling.
Ich komme meiner Hinweispflicht immer wieder mal nach, (auch in Anwesenheit von Zeugen) da ich aber nur der "adabei" bin ist die Wirkung eher begrenzt.

Was mich aber wirklich interessieren würde: was hat sich der Zählermonteur gedacht als er letztes Jahr auf den Smartmeter (oben in den Wohnungen) getauscht hat?
(Augen zu und durch oder was?)

Das Ding ist mit 50A Diazed vorgesichert, dann mit 6² zum Zähler, nach dem Zähler mit 4²!!! zu den Sicherungen. Der vierer Draht ist durch die Überlastung schon Unrund geworden...

TSR_9614 hat geschrieben: Mittwoch 20. Oktober 2021, 20:04 Bis auf die fehlenden RCD´s wurde von seiner Seite nicht bemängelt, die Maschinen haben ihn nicht interessiert.
Hier muss ich mich leider ausbessern, einen Stein des Anstoßes gab es schon, der sah so aus:
(An die Leute die jetzt ein Déjà-vu haben: nicht wundern, dieses Foto ist von 2014 und schwirrt schon länger durchs Internet...)

003.JPG

Die alten Steckdosen hat er bekrittelt und das von hier die Außensteckdose mitversorgt wird, also im Lager ein paar Teile zusammengesucht und montiert:

179.JPG
Nicht schön, aber er war zufrieden, und vor allem das Messergebnis hat gepasst.

Grüße
Manuel
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Elt-Onkel
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von Elt-Onkel »

Hallo,
Trumbaschl hat geschrieben: Dienstag 19. Oktober 2021, 10:28
steckdoesler hat geschrieben: Montag 18. Oktober 2021, 21:56
Den dazugebastelten Rotz
Tolle Fachsprache!
Fachsprache erfordert gelegentlich auch deftige Ausdrücke für extrem regelwidrige Konstruktionen.
Nicht aufregen.
In Süd-Hessen ist man einen anderen Ton gewohnt.
Der Steckdoesler wird sich schon beruhigen.

...
TSR_9614
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von TSR_9614 »

Hallo,

heute unter dem Thema: kleine Ursache große Wirkung.

Einer der Anwesenden (bin mir nicht mehr sicher wer es war) spricht mich an: er hätte beim Anstecken eines Ladegerätes einen Stromschlag vom Verteiler bekommen.

Beim betreffenden Steckdosenverteiler angekommen habe ich zuerst gedacht: das kann nicht sein, er muss sich irren, die Frontplatten sind aus 3mm PVC und das Gehäuse ist aus MDF, was soll hier leitfähig sein.

Werkzeug hatte ich keines dabei, so habe ich nur mal grob drübergesehen. Aus Faulheit bin ich dann mit dem Prüfstift alle Kontake der Stecksoden abgefahren, auch hier nichts offensichtliches, aus irgendeinem Verdacht habe ich dann mit dem Stift die Schraube über der Steckdose berührt,
OHA, er leuchtet voll auf.

037.JPG
Ok, jetzt brauche ich doch mein Werkzeug, also den Koffer geholt, und mit dem Isolierten Schraubendreher den Deckel abgeschraubt.
Siehe da, eine Schraube ist wesentlich länger als die anderen, und diese hatte sich genau in die Sammelschiene gebohrt.

038.JPG
grüße
IH-Elektriker
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von IH-Elektriker »

TSR_9614 hat geschrieben: Mittwoch 27. Oktober 2021, 20:08
Siehe da, eine Schraube ist wesentlich länger als die anderen, und diese hatte sich genau in die Sammelschiene gebohrt.
Aua ! 8o
ThomasR
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Re: Katastrophen im Altbau

Beitrag von ThomasR »

Aua! Ich bin ja auch sehr gerne für günstige und kreative Lösungen. Aber ist das nicht ein perfektes Beispiel für die ausschließliche Verwendung von geprüften und zugelassenen Teilen im Verteilerbau? Ein noch so scheußlicher AP Verteiler aus Kunststoff wäre hier mit seinen Clipsen im Vorteil gewesen.
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